Ciceros Stoisches Paradoxon VI: Was wahrer Reichtum ist

von Alexandra und  Helene Walterskirchen:

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Marcus Tullius Cicero, 106-43 v.Chr. war ein römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosoph

In diesem Paradoxon ist der Multimillionär und Spekulant Marcus Licinius Crassus das Exempel, an dem Cicero die Wertlosigkeit materiellen Reichtums demonstriert.

„Solum sapientem esse divitem – Nur der Weise ist Reich.“

„Was bedeutet deine so übertrieben Prahlerei, wenn du über dein Geld sprichst? Bist du der einzige, der reich ist? […] Was wäre, wenn du gar nicht reich bist? Was wäre, wenn du sogar arm bist? Denn bei wem erkennen wir, dass er reich ist, oder welchen Menschen bezeichnen wir als reich? […] Wenn du aber aufgrund deiner Geldgier keine Möglichkeit, Gewinn zu machen, für schimpflich hältst (obwohl es doch für den Senatorenstand gar keinen ehrenhaften Gewinn geben kann), wenn du jeden Tag betrügst, täuschst, forderst, handelst, wegschaffst, stiehlst, wenn du die Bundesgenossen ausraubst, den Staatsschatz plünderst, wenn du auf die Testamente deiner Freunde wartest oder nicht einmal darauf wartest und sie fälscht sind dies die Verhaltensweisen eines übermäßig reichen Mannes oder eines in Wirklichkeit eher Armen?

Die Seele eines Menschen, nicht seine Geldkassette bezeichnet man gewöhnlich als reich: Obwohl diese gefüllt ist, werde ich dich nicht für reich halten, solange ich dich selbst leer sehe.

Denn […] der Umfang des Reichtums entspricht den Bedürfnissen des einzelnen; wer also […] mehrere Begierden hat, die in kurzer Zeit das größte Vermögen verschlingen können – wie werde ich diesen einen reichen Mann nennen, wenn er selbst das Gefühl hat, dass er noch etwas braucht? Viele haben dich gehört, als du erklärtest, niemand sei reich, wenn er mit seinen Einkünften nicht ein Heer ernähren könne, wozu das römische Volk trotz so gewaltiger Steuereinnahmen schon längst kaum noch in der Lage ist. Unter diesen Voraussetzungen wirst du niemals reich sein, bevor dir aus deinen Besitztümern so viel Gewinn zufließen wird, dass du damit sechs Legionen und große Hilfstruppen aus Reitern und Fußsoldaten unterhalten kannst. […]

Denn wie wir feststellen, dass diejenigen, die ihr Vermögen ehrlich erwerben, indem sie Handel treiben, Dienstleistungen erbringen und als Steuerpächter tätig sind, ihr Geld verdienen müssen, wer könnte unter diesen Umständen, wenn er sieht, dass sich bei dir zu Hause Scharen von Anklägern und Richtern gleichermaßen zusammenrotten, dass schuldige und zugleich begüterte Angeklagte auf eben dein Betreiben hin die Bestechung des Gerichts in Angriff nehmen, wenn er deine Honorarvereinbarungen für die Verteidigung vor Gericht vor Augen hat, ferner die Bürgschaften für Gelder bei geheimen Absprachen zwischen Amtsbewerbern, die Entsendung von Freigelassenen, um die Provinzen durch Wucherzinsen auszuplündern, und wenn er sich an die Vertreibung von Nachbarn, die Räubereien auf dem Land, die Kumpanei mit Sklaven, Freigelassenen und Klienten, die verlassenen Besitzungen, die Proskriptionen der Wohlhabenden, die Mordtaten in den Landstädten und jene Ernte in der sullanischen Zeit [*] erinnert, wenn er schließlich an so viele falsche Testamente und an die Beseitigung so vieler Menschen denkt und am Ende noch feststellt, dass alles käuflich ist: die Einberufung zum Militärdienst und die Entscheidung der Behörden, die fremde und die eigene Stimme, der Gerichtshof und das Privathaus, die öffentliche Erklärung und das Stillschweigen – wer also könnte nicht glauben, dass dieser Mensch damit zu erkennen gibt, dass er noch mehr Gewinn machen muss? Wer aber könnte jemals behaupten, dass jemand, der noch mehr Gewinn machen muss, wirklich reich ist. Denn der Wert des Reichtums besteht in seiner Fülle, Fülle aber bedeutet grenzenloser Überfluss in allen Dingen; da du diesen niemals erreichst, wirst du auf keinen Fall reich sein.

[…] Was wollen wir dann für wertvoller halten: Das Geld, das Pyrrhus dem Fabricius zu geben versuchte [um ihn zu bestechen], oder die Selbstbeherrschung des Fabricius, der jenes Geld zurückwies? Das Gold der Samniter oder die Antwort des Manius Curius [er zog es vor statt über Gold lieber über dessen Besitzer zu herrschen]? Die Hinterlassenschaft des Lucius Paullus oder die Großzügigkeit des Africanus, der seinen Teil dieser Hinterlassenschaft seinem Bruder Quintus Maximus hinterließ? Die Verhaltensweisen, die Zeichen höchster Tugend sind, sind […] höher zu bewerten als jene, die nur mit Geld zu tun haben. Wenn nun jeder in dem Sinnen als der Reichste anzusehen ist, dass er das besitzt, was am wertvollsten ist – wer könnte dann eigentlich daran zweifeln, dass wahrer Reichtum in der Tugend besteht, da ja kein Besitz, keine Menge an Gold uns Silber für wertvoller zu halten ist als die Tugend?“ (42-48)

Nur diejenigen, die über die Tugend verfügen, sind reich, denn sie allein besitzen ein gewinnbringendes und unverlierbares Vermögen; sie allein (was für [wahren] Reichtum charakteristisch ist) sind zufrieden mit ihrem Besitz; sie halten das, was sie haben, für genug, sie wollen nichts weiter; sie entbehren nichts, sie empfinden keinen Mangel; sie benötigen nichts. Dagegen darf man die Bösartigen und Habgierigen, da sie unsicheren und vom Zufall abhängigen Besitz haben und ständig mehr wollen und da sich bisher noch keiner unter ihnen fand, dem das, was er besaß, genügte, nicht nur für nicht wohlhabend und reich, sondern muss sie sogar für bedürftig und arm halten.“ (52)

*Sulla 138-78 v. Chr., Diktator und Schreckensherrscher zur Zeit der römischen Bürgerkriege in der Spätphase der römischen Republik

Dieser Artikel wurde verfasst von Alexandra Walterskirchen am 7.7.2020. Sie ist Autorin, Publizistin und Mitherausgeberin der Sammel-Edition „Kultur-Magazin Schloss Rudolfshausen“ (www.schlossrudolfshausen.de)

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