Die Kultur des Anstands

 

Es ist von Natur aus so angelegt, dass jeder Mensch ein inneres ethisch-moralisches Filter- und Maßstabs-System hat, das all das, was der Mensch produziert, ob Gedanken, Entscheidungen oder Taten, automatisch nach höheren Maßstäben in Gut oder Böse, anständig oder unanständig, ehrlich oder unehrlich usw. einordnet. Das Ergebnis des Filter- und Maßstabs-Systems wird an das Gewissen des Menschen weitergegeben mit der Folge, dass sich der Mensch, der sich gemäß den ethisch-moralischen Naturgesetzen verhalten hat, gut fühlt, weil er ein reines Gewissen hat. Wenn er sich jedoch entgegen den ethisch-moralischen Naturgesetzen verhalten hat, fühlt er sich im Inneren unwohl und es plagen ihn Gewissensbisse. Dieser Mechanismus ist in jedem Menschen von Natur aus angelegt und kommt bei all seinem Handeln, Denken, Fühlen und Entscheiden automatisch zum Tragen. Die Kultur des Anstands ist somit eine Ursprungskultur, die es seit Anbeginn der Menschheit gibt.

Es ist daher unser primäres Bestreben, dass wir mit uns innerlich im Reinen sind und Achtung vor uns selbst haben, dass wir uns selbst in die Augen schauen können und wissen: „Ich bin ein anständiger Mensch und verhalte mich in allem, was ich tue, anständig.“ Wer sich unanständig verhält, wird nicht nur Gewissensbisse empfinden, sondern auch Scham. Er schämt sich für sein unanständiges Verhalten und seine unanständigen Taten.

Aber was ist mit jenen, die kein Schamgefühl mehr haben, weil es verloren gegangen ist und die nach dem Motto leben: „Anstand ist zwar eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr!“? Dieses Motto ist übrigens weit verbreitet in den Ebenen, in denen die Menschen Karriere machen und auf der Erfolgsleiter immer weiter nach oben steigen wollen. Auf diesem Weg legen viele ihren Anstand ab und gleiten in die Unanständigkeit und Schamlosigkeit ab.

Welche gravierende Bedeutung der Verlust des Schamgefühls für die Persönlichkeit des Menschen hat, hat Siegmund Freud in seinen Gesammelten Werken, Band 7, S. 149, dargelegt: „Die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit des Menschen.“

Ob jemand ein anständiger oder unanständiger Mensch ist, zeigt sich nicht an seinem Erfolg, an seinem Reichtum, an seinem geschliffenen Benehmen oder an seiner elitären Position, also an äußeren Faktoren, sondern an seinem Wesen, seinem Charakter, seiner Seele. Es kann jemand ein scheinbar moralisch anständiger Mensch sein, der sich mit seiner weißen Weste als Gutmensch ausgibt, der jedoch in Wirklichkeit seine Frau misshandelt und sich an Kindern vergeht, der also keine Hemmung hat, schon kleine Kinder sexuell zu missbrauchen und der sich nicht daran orientiert, was bereits Freud sagte: „Kinder, die sexuell stimuliert werden, sind nicht mehr erziehungsfähig.“ Dieser scheinbare Gutmensch zerstört also ohne Bedenken und Scham die Persönlichkeit und das Leben von Kindern, die für ihr ganzes Leben davon gezeichnet sein werden.

Wie kann es kommen, dass Menschen ihr natürliches ethisch-moralisches Filter- und Maßstabs-System verlieren, dass sogar ganze Gesellschaften und Staatssysteme Frühsexualisierung von Kindern befürworten und schon Erstklässlern beibringen, was Analverkehr ist und wie man sich selbst befriedigt? Vielleicht, weil viele von ihnen selbst als Kinder missbraucht worden sind. Vielleicht auch, weil viele von ihnen für Karriere und Erfolg, für Reichtum und Macht ihre Seele an den Teufel verkauft haben und ihm damit das Kostbarste gegeben haben, was sie besitzen: ihren darin befindlichen göttlichen Funken.

Deshalb ist die Seele das, was der Teufel am meisten begehrt. Um die Seele des Menschen zu bekommen, verspricht er dem Menschen all das, was dieser begehrt. Dafür muss ihm der Mensch mit seiner Unterschrift aus Blut seine Seele abtreten. Ein derartiger Pakt ist Gegenstand vieler Märchen, beispielsweise „Das kalte Herz“ oder „Der Schmied und der Teufel“, Sagen und Legenden, aber auch der klassischen Literatur, unter anderem Goethes „Faust“. Wer jedoch glaubt, der Seelenverkauf sei eine Sache von Märchen und habe für unsere heutige Welt keine reale Bedeutung, der irrt, denn auch heutzutage noch gehen viele Menschen einen Pakt mit dem Teufel ein, weil sie Erfolg, Macht, Ruhm usw. anstreben, etwas, das sie normalerweise und aus eigenen Kräften nicht bekämen.

Wenn wir also unsere Welt und die darin lebenden Menschen betrachten, so müssen wir uns bewusst sein, dass wir es mit zwei Gruppen zu tun haben: die einen, die eine Seele haben, d.h. Seelenmenschen sind, und die anderen, die keine Seele mehr haben, d.h. Seelenlose sind. Dazwischen sind die, an denen der Teufel schon dran hängt, um ihre Seele zu bekommen, die aber noch ihre Seele haben, jedoch ist diese bereits sehr verdunkelt und verschmutzt.

Menschen, die voll im Besitz ihrer Seele sind, unterscheiden sich von jenen, die keine Seele mehr haben. Wer den rechten Blick hat, kann durch die Augen des Menschen, die seit jeher als Spiegel der Seele gelten, hinabschauen in den Grund seiner Seele. Wo eine reine Seele vorhanden ist, zeigt sich in den Augen Wärme, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Gradlinigkeit, Ordnung, Korrektheit. Die Augen leben, sind lebendig, können lachen und weinen, können mitfühlen und trösten, können aufmuntern und Mut machen. Wo keine Seele mehr ist, sind die Augen tot, matt, kalt, starr, gierig. Die Augen sind leblos, können nicht mehr wirklich lachen oder weinen, das Lachen wirkt wie eine Maske, verzerrt, verzogen, künstlich. Das Weinen muss mühsam herausgepresst werden und die wenigen Tränen wirken wie von einer Zwiebel erzeugt – ohne jegliche seelische Rührung.

Nur die Menschen der Gruppe „Seelenmenschen“ können die Kultur des Anstands leben. Ein Seelenmensch kann nicht auf Dauer unanständig handeln, da er dabei seelische Schmerzen empfindet, ein permanent schlechtes Gewissen hat und sich vor sich selbst so sehr schämt, dass er sich nicht mehr in die Augen schauen kann.

Anders dagegen ein Mensch, der ein Seelenloser ist und deswegen auch kein ethisch-moralisches Filter- und Maßstabs-System und Gewissen mehr hat, mit der Folge, dass es ihm egal ist, ob er sich anständig oder unanständig verhält. Selbst bei einem permanent äußerst unanständigen Verhalten, empfindet dieser Mensch keine Gewissensbisse, denn wo kein Gewissen mehr ist, können folglich auch keine Gewissensbisse mehr sein. Da er seine Seele im Laufe seines Lebens dem Teufel verkauft hat, bewegt er sich seitdem in den Dimensionen der sogenannten Hölle und führt ein dementsprechendes Leben. Vogelfrei. Ohne Grenzen. Ihm ist scheinbar alles erlaubt: die schlimmsten Schandtaten, die entsetzlichsten Gräuel, die schmutzigsten Vorhaben. Und dennoch leidet dieser Mensch entsetzlich, denn er kann nicht mehr lieben, kann weder Liebe empfangen noch Liebe geben. Das einzige, das in ihm tobt, ist Hass bzw. Hassliebe, die ihm aber nicht wohltut, sondern ihn verbrennt und dabei zu einem Psychopathen und Wahnsinnigen macht, wie es schon Freud so treffend formulierte.

In unserer heutigen Gesellschaft gibt es viele Seelenlose. Sehr oft befinden sie sich in gehobenen Positionen oder in Führungseliten, wohin sie ihre Seelenlosigkeit gebracht hat. Ein Bekannter aus der Insiderszene sagte einmal zu mir: „Um in Führungsebenen Karriere zu machen und ein hohes Amt zu bekleiden, musst du einen Pakt mit dem Teufel schließen.“ Damit meinte er die Führungsebenen von Weltkonzernen, Banken, Regierungen, Geheimdiensten, Kirchen, Weltorganisationen usw.

Die Seelenlosen sind zwar äußerlich und auf den ersten Blick nicht von normalen Menschen zu unterscheiden. Wer jedoch fähig ist, in ihren Seelengrund zu schauen, wer sie näher kennt, wird an ihrer Gefühllosigkeit und Kälte, ihrer Unmenschlichkeit und Unbarmherzigkeit erkennen, wes Kind sie sind: Kinder des Teufels.

Sie sind „künstliche Menschen“ (geworden), da sie ihre ursprüngliche menschliche Natur verloren haben, denn nur in einem ursprünglich natürlichen Menschen ist das ethisch-moralische Filter- und Maßstabs-System und Gewissen vorhanden, ja es macht genaugenommen erst den Menschen aus. Es ist nicht der physische Körper mit seinen Armen, Beinen, seinen Organen, seinem Kopf, und es ist nicht der Verstand, der den Menschen ausmacht, sondern es ist seine Seele, die ihn beseelt und ihm erst eine Identität gibt, eine Seele, die so stark sein kann, dass sie alles bezwingt, die so groß sein kann, dass sie alles überragt, die so weise sein kann, dass sie auf alle Fragen die richtige Antwort weiß, die so strahlend sein kann, dass sie alles in ihrem Seelenlicht verbrennt, die so hochschwingend sein kann, dass sie alles Niedere anhebt. Diese Seelenmenschen sind Leitfiguren in unserer Gesellschaft, die für alle ein Segen sind, da sie der Kultur des Anstands folgen, diese verbreiten und leben und so für andere ein wichtiges Vorbild sind.

Diese Leitfiguren wissen, was anständiges Verhalten und was unanständiges Verhalten ist. Sie wissen, dass es beispielsweise unanständig ist, Frauen zu schlagen oder zu vergewaltigen, dass es unanständig ist, Lügen über einen anderen zu verbreiten, um ihm zu schaden, dass es unanständig ist, nackt im Sinne es Exhibitionismus herumzulaufen, dass es unanständig ist, einen anderen zu unterdrücken oder zu quälen, um die eigenen Macht zu demonstrieren, dass es unanständig ist, in der Ehe fremd zu gehen, dass es unanständig ist, andere zu erniedrigen, um sich selbst dadurch zu erhöhen, dass es unanständig ist, andere, die in Entscheidungspositionen sind, mit Geld oder Erpressung zu schmieren usw.

Unanständigkeit und unanständige Handlungen sind niemals tolerierbar. Wenn wir dahin gekommen sind, dass wir sie tolerieren, dann steht es sehr schlecht um unsere Gesellschaft und ist es dringend an der Zeit, dass wir uns wieder daran erinnern, was die Kultur des Anstands ist und wie wohl es unserer Seele tut, wenn wir uns anständig verhalten.

Lassen wir es nicht zu, dass Seelenlose unseren Anstand zerstören, indem sie uns zu unanständigen Handlungen verleiten oder so provozieren, dass wir im Affekt unanständig handeln. Halten wir uns immer vor Augen: Der Anstand ist kein Relikt der vergangenen Zeit, in der es noch Anstandsdamen gab, die auf die Einhaltung von Sitte und Anstand achteten, sondern unser Anstand war und ist zu aller Zeit die wichtigste Tugend unserer Seele.

 

 

 

© Copyright des Textes und des Fotos liegt bei Helene Walterskirchen www.helene-walterskirchen.de