Egokultur – die natürliche Dimension des „Ich“

HELEN’S KULTUR-BLOG

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Die Egokultur, auch Ichkultur genannt, ist eine Ursprungskultur, d.h. sie bestand bzw. besteht seit Anbeginn des Menschengeschlechts. Daher ist sie eng mit der Menschenkultur verbunden.

So kommt jeder Mensch nicht nur mit dem natürlichen Wissen auf die Welt, dass er Mensch ist (und kein Affe oder Baum), sondern auch mit einem natürlichen Ich-Bewusstsein. Er weiß, dass er dieses Ich ist und nicht das Ich von Mama oder Papa, von Hans oder Susi. Bereits das kleine Kind, das gerade mal sprechen lernt, benennt sich schon mit seinem Namen, oftmals in einer kindlichen Abkürzung und hat eine, wenn auch begrenzte, Ich-Identifikation.

Im Rahmen der Entwicklung und Reifung des Menschen und seines Gesamtwesens, bestehend aus Körper, Seele und Geist, durchläuft dieser verschiedene Entwicklungs- und Erfahrungsprozesse, die ihn irgendwann zu einem gereiften Wesen machen. Ein Stadium in diesen Prozessen ist die Erfahrung des „Ich“ bzw. des „Egos“.

Der Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess und die damit verbundene Ich- bzw. Egokultur vermittelt dem Menschen das Bewusstsein, dass er in der Gruppe der Menschheit, dem „Wir“, auch ein Einzelwesen ist, also ein „Ich“. Gemäß der Egokulturstruktur soll der Mensch empfinden, erleben und erfahren, wie es ist, ein Ego- bzw. ein Ich-Bewusstsein zu haben und in diesem zu agieren. Das Ego hat einen Rahmen, in dem es handeln kann: es kann Steine heben, es kann Bilder malen, es kann Kleider schneidern, es kann ein Pferd reiten, es kann Reden halten, es kann sich Wissen aneignen, es kann eine gute Mutter/ein guter Vater sein, es kann anderen helfen usw. In all diesen Tätigkeiten erfährt sich das Ich bzw. Ego selbst:

Es erlebt, wie es sich anfühlt einen Stein zu heben, ein Bild zu malen oder anderen zu helfen. Es erlebt, wie es diese Aufgaben ausführt, ob es geschickt oder nicht geschickt ist dabei. Es erlebt, wie sein Tun auf andere wirkt, ob sie es mögen oder nicht. Es erlebt, was es mit ihm selbst macht, ob es ihm Freunde bereitet oder nicht. All diese Erlebnisse und Erfahrungen sind für das Ego bzw. Ich erst einmal sensationell. Das „ich kann“ vermittelt ihm ein Hochgefühl des Erfolgs. Des eigenen Erfolgs, an dem andere nicht beteiligt sind. Schon das kleine Kind empfindet Genugtuung, wenn es die Schnürsenkel seiner Schuhe selbst binden kann und immer, wenn die Mutter helfen möchte, stößt es sie weg und sagt: „Ich kann“. Und jedes weitere Gelingen des Schuhe Zubindens sind ein weiteres Erfolgserlebnis, das das Ich-Bewusstsein und die Persönlichkeit des Kindes stärkt.

In der Regel sind sich die Menschen jedoch nicht bewusst, dass ihr Erleben Wollen des „Ich kann“ deswegen besteht, weil sie sich gerade im Prozess der Ich- bzw. Ego-Entwicklung und –Erfahrung befinden. In diesem Prozess will sich das Ich bzw. Ego in allen Facetten ausdrücken und erleben, ob im gemeinsamen Miteinander mit anderen Menschen, im Schöpfen von kreativen Werken, im Gestalten seines Lebens, im großen Bereich berufliche Karriere und anderen Bereichen. Es geht stets um „Ich kann“ und „Ich kann nicht“ und um „Ich will“ und „Ich will nicht“.

Im Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess gibt es positive und negative Entwicklungen, es gibt Erfolge und Misserfolge, es gibt Schönes und Unschönes, es gibt Heiteres und Trauriges, es gibt Gutes und Böses. Da in unserer Gesellschaft auch viele andere Menschen in ihrem persönlichen Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess sind, kommt es leicht zu Konfrontationen mit anderen Egos, und daraus resultierend zu gegenseitigen Verletzungen und Auseinandersetzungen, in deren Folge Beziehungen darunter leiden und Freundschaften zerbrechen. Dies sind wichtige Erfahrungen, die der im Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess Befindliche machen muss.

Eine weitere Erfahrung ist die, dass sich das Ich bzw. Ego, wenn es einen Misserfolg erlebt oder miterlebt, dass andere besser, klüger oder schöner sind als es selbst, minderwertig fühlt. Es definiert sich durch Leistung und Anerkennung. Bleiben diese aus, entsteht leicht eine Verbissenheit und ein Ehrgeiz, es doch zu schaffen. Das Ich bzw. Ego erkennt die eigenen Schönheiten und Stärken nicht, es neigt dazu, ständig nur die Schönheiten und Stärken der anderen zu sehen. Erst wenn der Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess abgeschlossen ist, und das Ich bzw. Ego in ein gereiftes Menschenbewusstsein eintritt, wird der Mensch wieder fähig, sich als göttliches Wesen im Kreise von anderen göttlichen Wesen zu begreifen. Alle Gefühle von Minderwertigkeit lösen sich dadurch auf.

Eine weitere Erfahrung besteht im Gefühl der Trennung von anderen, die der im Ego-Entwicklungsprozess befindliche Mensch machen muss. Er fühlt sich von anderen separiert, fühlt sich nicht selten sogar isoliert und einsam. Daran ändert sich auch oft nichts, wenn er mit einem anderen Menschen beisammen ist. Dabei sehnt sich das Ich bzw. Ego permanent nach Gemeinsamkeit, Wärme, Liebe und Geborgenheit ohne jemals dauerhaft diesen Zustand zu erreichen. Dies ändert sich erst nach dem Absolvieren des Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozesses, denn danach verliert sich das Gefühl der Trennung und Einsamkeit.

Die Ich- bzw. Egokultur leitet den Menschen durch den Prozess der Ich- bzw. Ego-Entwicklung. Sie gibt ihm Impulse, Anleitungen und Hilfestellung. Sie zeigt die Dimension der Möglichkeiten auf, aber auch die Grenzen, denn wenn der Mensch im Ich- bzw. Ego-Prozess ist, ist er sehr gefährdet für das Überschreiten der Grenzen und den Eintritt in das, was man Egoismus und Egozentrik nennt. Denn in unserer heutigen Gesellschaft dominiert der Egoismus und die Egozentrik, weshalb auch eine sehr große Gefahr für alle Menschen besteht, die den Ich- bzw. Ego-Entwicklungsprozess durchlaufen, ihr Ego nicht, wie es vorgesehen ist, nach entsprechenden Erfahrungen abzulegen, sondern ihr Ego weiter zu kultivieren und immer egoistischer zu werden.

Sie treten in den Egozentrik-Entwicklungsweg ein, der jedoch kein ursprünglicher, natürlicher Entwicklungsweg mehr ist und von der ursprünglichen Ich- bzw. Egokultur geleitet wird, sondern ausschließlich vom Super-Ego, das eine Art von Dämon ist. So ist unsere heutige Welt von Egozentrikern und Egomanen dominiert, die von der Gier nach Macht, Reichtum, Sex und Ruhm beherrscht sind. Sie fühlen sich als etwas Besonderes, als etwas Besseres, als Elite, der es zusteht, die Welt und alle anderen Menschen zu beherrschen, die in ihren Augen nur eine stupide, niedere, stumpfsinnige und tiergleiche Spezies sind. Sie haben sich das Zepter dieser Welt angeeignet und beherrschen alles und jeden: die Masse, die Medien, die Wissenschaft, die Wirtschaft, das Geldwesen, die Politik, die Religionen. Sie manipulieren die ganze Welt und leben nach selbstgemachten ethischen Wertstäben, die jedoch keine wirklichen ethischen Wertstäbe sind, sondern die allein ihnen alle Freiheiten und Rechte gewähren, den anderen jedoch nicht.

Dennoch kleiden sie sich gerne in den Mantel des Wohltäters, des Gönners, des Philanthropen, des Demütigen und Bescheidenen, um sich ein gutes Image zuzulegen und allen zu zeigen, dass sie die Guten und nicht, wie ihnen manche vorwerfen, die Bösen sind. Sie sind Meister der Verstellung und der Lüge, denn wer ein guter Egomane ist, beherrscht nicht nur die Klaviatur der Todsünden wie Hochmut, Gier, Hass etc. meisterhaft, sondern auch die Verstellung und die Lüge.

Egozentriker bzw. Egomanen wollen, auch wenn sie scheinbar bescheiden und zurückhaltend sind, von anderen bewundert werden, wollen verehrt werden wie Götter, wollen umschmeichelt und hofiert werden und sie wollen für ihr Tun ausgezeichnet werden in Form von Nobelpreisen, Verdienstorden und anderen Auszeichnungen. Sie wollen aber auch, dass andere Angst vor ihnen und ihrer Macht empfinden und nicht den Mut haben, sich gegen sie aufzulehnen. Sie sind eingebildet, arrogant, hochmütig und streben ihr ganzes Leben lang nach dem Gipfel des Erfolgs, von dem sie Rivalen ohne mit der Wimper zu zucken in die Tiefe stürzen.

Unsere heutige Welt ist voll von Egozentrikern und Egomanen – ob im Kreise der Hochfinanz, der Bankiers, der Konzernchefs, der Spitzenpolitiker, der religiösen Führer, der Superreichen, der Hollywoodstars, Musikstars, Sportstars, der Bestsellerautoren, der Nobelmodedesigner und der Prominentenszene.

Aber auch in der sogenannten Masse gibt es Egozentriker und Egomanen. Und jeder Mensch sollte genau bei sich selbst schauen, ob er nicht auch auf dem Weg des Egoismus und der Egozentrik ist und bereits von egozentrischen Verhaltensweisen gesteuert wird. Woran man das Wirken der Egozentrik erkennt? Am eigenen Hochmut, d.h., dass man sich als etwas Besseres empfindet als andere, dass man gezielt andere erniedrigt, um sich selbst zu erhöhen, dass man gierig ist, gierig nach Geld, Besitz und Macht und sei es nur in der Familie oder am Arbeitsplatz, dass man andere, d.h. Konkurrenten oder Rivalen, verleumdet und schlecht macht, um einen Vorteil daraus zu ziehen, dass man nur die Befriedigung eigener Interessen verfolgt und an den Bedürfnissen anderer nicht interessiert ist, dass man ohne mit der Wimper zu zucken lügt, wenn es von Vorteil ist, und dass man bereit ist, für mehr Geld, Karriere oder Macht die eigene Seele zu verkaufen.

Erkennen wir: Im Sinne unserer ganzheitlichen Entwicklung und Reifung ist die Erfahrung des Ich- bzw. Ego-Prozesses und der damit verbunden Ich- bzw. Egokultur sehr wichtig und auch für uns vorgesehen. Nach Absolvieren dieses Prozesses und den damit verbundenen notwendigen Erfahrungen und Erkenntnissen, sollten wir jedoch aus diesem Prozess aussteigen und unser Ego ablegen, um in die nächsthöhere Stufe unserer ganzheitlichen Entwicklung wechseln zu können.

Es ist nicht vorgesehen, dass wir die Grenzen des natürlichen Ich- bzw. Ego-Prozesses überschreiten und uns in Richtung Egoismus und Egozentrik entwickeln. Diese Entwicklung ist ein Irrweg, der unserer seelisch-geistigen Gesundheit großen Schaden zufügen kann.

Erkennen wir weiterhin: Wir brauchen die Entwicklung und die Erfahrungen der Egozentrik nicht für unseren menschlichen und seelischen Reifeprozess. Wenn wir uns mit Äpfeln vergleichen, dann ist die Egozentrik nichts anderes als ein Wurmbefall, der den Apfel kaputt macht. Ist der Apfel einmal von einem Wurm ausgehöhlt, kann man den Apfel nur noch in den Kompost werfen.

Wie gut schmeckt dagegen ein saftiger, reifer und wurmfreier Apfel!

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