Können Kulturen untergehen?

HELEN’S KULTUR-BLOG

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Hadriansvilla im Antiken Rom

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Auf die Frage, ob Kulturen untergehen können, würden vermutlich viele Menschen spontan mit „ja“ antworten und dabei an untergegangene Kulturen denken, beispielsweise an die des Römischen Reichs, der Azteken, der Mayas, der Kelten, der Pharaonen, der Druiden oder des mittelalterlichen Rittertums. Bei einer Analyse der Frage würde sich jedoch zeigen, dass diese Kulturen nur scheinbar untergegangen sind, da sie genaugenommen in anderen Kulturen aufgegangen sind.

Kulturen sind kein starrer Torso, sondern bewegliche, veränderbare, entwicklungsfähige und wandelbare Strukturen. Sie können aufgehen und sie können untergehen, sie können sich wandeln und erneuern. Sie orientieren sich an den Entwicklungen der Menschheit und der Gesellschaft. Die Menschheit und Gesellschaft ihrerseits orientiert sich an den vorherrschenden Kulturen. Kulturen und Menschen gehören zusammen und beeinflussen sich wechselseitig. Kultur ist das Raster oder Gitternetz, in dem Menschen leben und das ihnen Halt und Orientierung gibt. Die Menschheit und ihr jeweiliger Entwicklungsstand wiederum beeinflusst das bestehende Kultur-Raster bzw. –Gitternetz, wobei die Grundstruktur nicht verändert werden kann, da sie auf Naturprinzipien beruht, wie man beispielsweise an der Mutterkultur, Ehekultur oder Familienkultur sehr gut sehen kann.

Die Grundstruktur der Mutterkultur ist die, dass junge Frauen schwanger werden und ein Kind gebären. Dadurch werden sie zu Müttern und treten in die natürliche Mutterkultur ein bzw. erwacht in ihnen das, was man „Mutterinstinkt“ nennt, der folgende Aspekte beinhaltet: Pflichtbewusstsein, Fürsorge, Mutterliebe sowie Beschützerfunktion für die eigene „Brut“ bis diese erwachsen und aus dem Haus ist. Die bis dahin freie junge Frau wird zu einer unfreien, der das Wohl ihrer Kinder so sehr am Herzen liegt, dass sie dafür ihr eigenes Leben opfern würde. Davon gibt es Ausnahmen: die sogenannten Rabenmütter, die die Mutterschaft ablehnen und ihre Kinder vernachlässigen.

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Eine junge, ägyptische Vollzeitmutter im Kreise ihrer Kinderschar

Dennoch ist die Mutterkultur, wie sie noch vor 100, 200 oder mehr Jahren herrschte untergegangen. Früher waren Mütter überwiegend Vollzeit-Mütter und Hausfrauen, die sich gänzlich um ihre Kinder und den Haushalt kümmerten. Erst wenn die erwachsenen Kinder aus dem Haus waren, bekamen die Frauen wieder ein großes Stück Freiheit zurück, das sie dann oft in ein soziales bzw. karitatives Engagement einbrachten.

Viele Mütter in unserer heutigen westlichen Welt müssen Teilzeit- oder Vollzeit arbeiten, um zum Familienunterhalt und zur Existenzsicherung beizutragen. Ein Teil der Mütter geht dabei nicht so sehr aus existenziellen Gründen in die Arbeit, sondern um beruflich Karriere zu machen und sich selbst zu verwirklichen. Die kleinen Kinder kommen in der Regel in Kinder-Tagesstätten, die etwas größeren in Ganztagsschulen oder Internate. Galt es früher noch als Schande für eine Mutter, wenn sie ihr Kind nicht selbst betreute, sondern es in Betreuungsstätten gab, so ist dies heute für Mütter schon fast etwas Selbstverständliches. Dennoch ist den meisten jungen Müttern etwas geblieben: die Liebe, Fürsorge und das Pfichtbewusstsein für das Wohl ihrer  Kinder, über die sie wie eine Löwenmutter wachen. So ist ein Teil der Mutterkultur, wie sie früher geherrscht hat, zwar untergegangen, jedoch ist daraus eine neue, veränderte Mutterkultur entstanden.

Eine weitere Kultur, die sich über die Jahrtausende gewandelt hat, ist die Ehekultur. Den Bund der Ehe gab es und gibt es auf der ganzen Welt in allen Völkern und ethnischen Kulturen. Er bildet im Leben der jungen Menschen das oberste Ziel, das letztlich der Fortpflanzung und Aufzucht der gemeinsamen „Brut“ dient. Das Herz der Ehekultur, nämlich die Ehe als das höchst Erstrebenswerte im Leben anzusehen, hat sich über die Jahrtausende erhalten und hat auch in unserer heutigen modernen Gesellschaft nichts an seinem Stellenwert verloren. Dennoch hat sich die Art und Weise der Ehekultur verändert.

Früher war es beispielsweise Sitte, dass Ehepaare bis zum Lebensende in ihrer Lebensgemeinschaft zusammenblieben und ihre Kinder in einer weitgehend intakten Familie aufwuchsen. Es gab keine Scheidung, allenfalls die Auflösung durch den Tod eines Ehepartners. Trennung und Scheidung galten als gesellschaftlicher Makel, insbesondere für Frauen. Der Familienverbund hatte einen hohen Stellenwert und es waren in der Regel die Frauen, die in der Familie für Zusammenhalt und eine traditionelle Familienkultur sorgten. Dies war auch noch so, als ich vor 60 Jahren in eine sogenannte intakte Familie hineingeboren wurde, in der mein Vater derjenige war, der für die finanzielle Existenz sorgte, und meine Mutter diejenige, die die Kinder hütete, für das tägliche Essen sorgte, die Wäsche wusch und bügelte und meinem Vater die Schuhe putzte.

Die Ehekultur von heute ist eine völlig andere als damals. Männer und Frauen sind in der Ehe gleich gestellt, während früher die Männer das Sagen hatten und die Frauen sich ihnen unterordneten. Meine Mutter wusste beispielsweise lange nicht, wieviel Gehalt mein Vater bekam. Er gab ihr monatlich ihr Haushaltsgeld, aber er ließ sie nicht in seine Gehaltsabrechnung schauen. Sie war damit zufrieden oder besser gesagt: sie musste sich damit zufrieden geben, denn wie ihr erging es damals vielen Ehefrauen. Trennung und Scheidung, früher ein absolutes No-Go, ist heute etwas völlig Alltägliches und Normales und werden oft schon bei der Eheschließung miteinbezogen, z.B. in Form von Eheverträgen. Geschiedene Frauen sind in der heutigen Zeit nicht gesellschaftlich geächtet, wie noch vor 60 Jahren, sondern sind weiterhin respektable Mitglieder der Gesellschaft.

Und dennoch ist die Ehekultur in ihrer Basis gleich geblieben: Es ist weiterhin das erklärte Ziel der meisten jungen Menschen zu heiraten und eine Ehe zu schließen, in der die Frau – entsprechend der Grundstruktur der Ehekultur – die Rolle der Ehefrau annimmt und der Mann die Rolle des Ehemanns. Frauen kochen, waschen, putzen, Männer handwerkern, kümmern sich um das Auto, das Rasenmähen und sind für das Schwere und Grobe zuständig. Wenn Kinder kommen, übernimmt die Frau die Rolle der Mutter und der Mann die Rolle des Vaters. Der Unterschied zu früher: für moderne Väter ist es selbstverständlich, den Kinderwagen zu schieben und die Kinder zu versorgen, während die Väter von früher sich dafür schämten und von ihren Geschlechtsgenossen verlacht wurden. Und doch fühlt sich die Frau noch genauso als Ehefrau und Mutter wie früher, und der Mann als Ehemann und Vater.

Manche Kulturen erwecken oft den Anschein, als würden sie untergehen oder sich wandeln. In Wirklichkeit jedoch sind und bleiben sie dieselben, tragen allerdings ein moderneres Gewand. Eine solche Kultur beispielsweise ist die Machtkultur. Sie gab es vor Jahrtausenden genauso wie heute. Sie hat sich zwar im Laufe der Zeit etwas verändert, ist vielleicht etwas zeitgemäßer und scheinbar humaner geworden, jedoch sind das Streben nach Macht, die Machtspiele, die Machtkämpfe und die Machtmechanismen stets die gleichen geblieben. Wer nach Macht strebt, wird automatisch andere unterdrücken und Macht über sie ausüben – ob in der Politik, in der Wirtschaft oder ganz simpel in der Ehe. Die Säulen der Machtkultur sind immer dieselben – ob der Machtstrebende eine Tunika, einen Frack und Zylinder oder eine Jeans mit Blazer von Saint Laurent trägt.

Manche Kulturen gehen unter bzw. wandeln sich und erleben in dieser Wandlung eine Wertanhebung. Eine solche Kultur ist beispielsweise die des Briefeschreibens. Früher, als es noch keine Schreibmaschinen und PCs gab, schrieb man Briefe mit der Hand. Das war etwas Selbstverständliches und Normales. Heute dagegen ist es etwas Seltenes. Und doch ist die Kultur des Briefeschreibens nicht gänzlich untergegangen, sondern hat sich nur weiterentwickelt und gewandelt, denn wer freut sich nicht über einen handgeschriebenen Brief eines lieben Menschen, der uns damit zeigt, wie wertvoll wir ihm sind. Und wer schreibt nicht selbst, wenn ihm jemand sehr am Herzen liegt, einen Brief an diese Person mit der Hand. Das Handgeschriebene hat immer eine andere Bedeutung als ein maschinengeschriebener Brief oder gar eine E-Mail. Die Kultur des Briefeschreibens mit der Hand, womöglich auf einem hochwertigen Bütten-Briefpapier wird niemals untergehen. Im Gegenteil: mit der Zunahme von Maschinen- oder E-Mail-Briefen gewinnt sie immer mehr an Bedeutung und entwickelt sich zu einer kulturellen Perle in einem Meer von anonymen, seelenlosen Kieselsteinen.

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Ein handgeschriebener Brief auf Büttenpapier heute

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© Copyright des Artikels und der Fotos liegt bei Helene Walterskirchen www.helene-walterskirchen.de

 

PS: Dieser Kulturbeitrag von Helene Walterskirchen wurde im KULTUR-MAGAZIN SCHLOSS RUDOLFSHAUSEN, Ausgabe I/2019, Herausgeberinnen: Helene und Alexandra Walterskirchen, erschienen im April 2019, publiziert.