Modern sein ist weder Wert noch Kultur

von Helene Walterskirchen:

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Der Begriff des „Modernsein“ hört sich im ersten Moment schick oder, wie man heute sagt, hipp an. So gesehen waren die Menschen auf dem obigen Bild aus dem Jahre 1723 auch einmal modern, schick bzw. hipp. Auf die heutigen modernen Menschen wirken sie allerdings altmodisch. Womit wir schon beim Thema „trendy“ wären. Modern sein hat demnach etwas mit einem momentanen Trend zu tun, einem Zeitgeist, der bei genauerer Betrachtung allerdings äußerst kurzlebig ist. Wir alle waren einmal, als wir jung waren, modern. Heute hingegen, da wir älter sind, sind wir nicht mehr modern. Daran erkennt man, dass modern sein keinen Bestand hat. Es ist nicht viel mehr als eine Modeerscheinung.

Im klassischen Sinne stammt das Wort „modern“ vom lateinischen Adjektiv „modernus“ ab, was „neu, neuzeitlich, neuartig“ bedeutet und sich wiederum vom Adverb „modo“ ableitet, welches viele Bedeutungen hat, u.a. „ eben erst, soeben, gerade, sogleich, bald, gleich nachher“. Besonders interessant wird die Verwendung von „modo… modo“ in Sätzen, welches dann bedeutet „manchmal so, manchmal so“ oder „bald so, bald“ und eine sprunghafte, wechselhafte Aufzählung zwischen verschiedenen Themen oder Strukturen veranschaulicht, die keine klare Linie aufweist. Mit „modo“ ist also durchaus eine Unbeständigkeit verbunden, nach der Art „mal so, mal so“.

Wenn man das eine, die traditionelle Kultur mit ihren gewachsenen Kulturwerten, dem anderen, dem Modernsein, gegenüberstellt, so ist das eine ein großer, starker und alter Baum und das andere ein Plastikbäumchen. Das eine wurzelt tief im Boden, das andere steht in einem Metallständer und hat keinerlei Wurzeln im Boden. Das eine ist ein lebendiger Organismus, das andere ist ein lebloser Gegenstand. Das eine ist dem Jahresrhythmus mit Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter unterworfen, in dem es sich wandelt, Blätter austreibt, zur Blüte gelangt, Früchte trägt und sein Laub abwirft, das andere sieht das ganze Jahr über gleich aus.

Der Plastikbaum mit dem Namen „Modernsein“ ist ein künstliches Konstrukt, das nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, wenn es nicht mehr modern, sondern altmodisch ist, weggeworfen wird. Er hat keinen Wert und keinerlei Bedeutung für die kulturelle Entwicklung und Entfaltung des Menschen. Es ist ein Wegwerfgegenstand, der im Leben des Menschen ohne jeglichen Wert ist. Eine Attrappe, die dazu geschaffen ist, etwas vorzugaukeln ohne jedoch die Persönlichkeit und Seele des Menschen zu berühren.

Ganz anders der alte und lebendige Baum, den vielleicht der Urgroßvater gepflanzt hat, auf dem sich die Großeltern mit ihrem gemeinsamen Liebesherz verewigt haben und auf dem man selbst als Kind herumgeklettert ist. Welch einen hohen Wert hat dieser Baum für den Menschen und seine Familien- und Ahnenkultur!

Wahre Werte und Kultur, über Jahrtausende gewachsen, sind von größter Bedeutung für den Menschen, sein ethisches Fundament, seine familiären Anbindungen, seinen seelisch-geistigen Horizont, seine charakterliche Veredelung, seine menschliche und kreative Entfaltung, seine Blüte des Menschseins.

Das Modernsein dagegen ist ein kurzfristiger Trend, einem Windhauch gleich, der bereits nach kurzer Zeit wieder verschwindet und dem der nächste Trend des modern seins nachfolgt. Modern sein ist eine Geschmackssache: heute schmeckt die Pizza und ist in, morgen nicht mehr und übermorgen isst man lieber Döner, weil dieser modern ist. Heute trägt man Röhrenhosen, weil sie hipp sind, morgen nicht mehr, weil Schlaghosen nun wesentlich hipper sind. Und so kann man heute schon davon ausgehen, dass in 10 oder 20 Jahren wieder etwas anderes modern oder in sein wird. Aus solchen kurzfristigen Trends kann keine Kultur erwachsen und damit auch kein Wert für den Menschen.

Somit gesehen ist eine moderne Gesellschaft, die gewachsene Traditionen und Kulturgrundlagen missachtet und zerstört, eine wertelose und kulturlose Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft von Plastikbäumen.

Das Modernsein hat zudem einen großen Nachteil: Derjenige, der sich heute als modern rühmt, gilt in 10 oder 20 Jahren nicht mehr als modern. Dann darf er etwas erleben, was in der Welt des Modernen Gang und Gäbe ist: er fällt aus dem Ranking der modernen Menschen und wird durch neue, junge moderne Menschen ersetzt.

Dies macht die Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit von modernen Trends deutlich, die wie Luftströmungen über die Lande ziehen, kurze Zeit bestehen und sich bald schon wieder auflösen bzw. weiterziehen. Nichts bleibt von ihnen. Zurück bleiben desillusionierte, frustrierte und enttäuschte Menschen, die ein Leben im „Modern-Stream“ führen und keinen Halt, keine Beständigkeit und keine Identität mehr in Form von Kultur und Werten haben.

Anders dagegen die Menschen, die von einem Wertebewusstsein und Kulturbewusstsein erfüllt sind. Sie sind wie der alte, große und starke Baum im Werte- und Kultur-Wurzelwerk der Menschheit. Sie haben eine Identität, die sich auf ihre Vorfahren begründet, auf ihre Heimat, ihr familiäres und menschliches Erbgut in Form von Charakter, Eigenschaften und Begabungen.

Der moderne Mensch ist wie ein Fähnlein im Winde, das sich nach dem aktuellen Status seines Trends richtet. Trägt man die Haare kurz, trägt er sie auch kurz, färbt man sie sich rot, färbt er sie sich auch rot, lässt man sich eine Glatze rasieren, lässt er sich auch eine solche verpassen usw. Er hat keine Haaridentität, die sich danach ausrichtet, was ihm selbst gefällt, was zu ihm passt, was zu seiner Kultur passt u.a. Er hat sich zum Kunstmenschen degradiert, dem einzig und allein wichtig ist, „in“ oder „hipp“ zu sein.

Wer sich rühmt, modern, in oder hipp zu sein und verächtlich auf die herunter schaut, die in seinen Augen konservativ, traditionell oder altmodisch sind, ist ein Narr. Denn er lebt in der Illusion, dass sein Modernsein ein Wert und eine Kultur ist. Die Illusion offenbart sich ihm spätestens dann, wenn er die ersten grauen Haare bekommt und er von Jüngeren und Hipperen aus dem „Modern-Ranking“ gestoßen wird. Dann kann es passieren, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird und er tief in die Minderwertigkeit und Depression stürzt.

Wie anders doch bei Menschen, die auf einem stabilen und gewachsenen Werte- und Kulturfundament leben, in das sie eingebunden sind. Sie können niemals in dieser Weise abstürzen, sondern haben immer einen Halt. Sie fürchten sich nicht vor dem Verlust des Modernseins, denn sie haben etwas viel Wichtigeres: ihre kulturelle Identität, die sich wie ein roter Faden durch ihren Leben zieht und sich bereits durch das Leben ihrer Vorfahren gezogen hat.

Anstatt eine moderne Gesellschaft und moderne Menschen sein zu wollen, sollten wir das sein, was wirklich einen Wert hat: eine kultur- und traditionsbewusste Gesellschaft und Menschheit, die zwar durchaus gewisse zeitgemäße Entwicklungen schätzt und nutzt, aber im festen Fundament eines gewachsenen Kultur- und Wertebewusstseins verankert ist.

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