Dr. Thomas Goppel – ein tüchtiger Politikon

von Helene Walterskirchen:

Dr. Thomas Goppel 2019 in seinem Haus in Eresing bei Landsberg vor einem Gemälde von Manfred Hinkel aus dem Jahre 2012 mit Blick vom Ammersee-Westufer in Richtung Andechs (Fotoquelle: H. Walterskirchen)

Wäre sein Vater Buchhalter oder Landwirt gewesen, das Leben von Thomas Goppel wäre sicherlich in anderen Bahnen verlaufen. So aber war sein Vater ein aufstrebender CSU-Politiker der deutschen Nachkriegszeit, angefangen vom Zweiten Bürgermeister von Aschaffenburg (1952) über das Amt des bayerischen Innenministers (1958 bis 1962) bis hin zum Amt des bayerischen Ministerpräsidenten (von 1962 bis 1978). Durch das Politikerdasein und die politische Karriere seines Vaters wuchs Thomas Goppel, zusammen mit vier Brüdern (ein sechster Bub war noch im Krieg verstorben), in einem politisch gefärbten Umfeld auf. Ein solches Umfeld kann entweder dazu führen, dass die Kinder etwas völlig anderes werden als der Vater, oder dass sie davon infiziert sind und ihm nachstreben. Von den fünf Söhnen von Alfons Goppel wurde einer ganz vom familiären „Politik-Virus“ infiziert: Thomas Goppel, geboren 1947.

Bereits als Fünfjähriger – damals ging er noch in den Kindergarten – betätigte er sich schon als Wahlhelfer für seinen Vater bei der damaligen Bürgermeisterwahl in Aschaffenburg. Thomas Goppel erinnert sich: „Eines Tages traf ich auf eine alte Frau, die mit uns bekannt war und in der Nähe wohnte. Sie war mit vielen Tüten bepackt und ich kleiner Knirps bot ihr an, ihr tragen zu helfen, damit sie nicht so schwer schleppen müsse. Unterwegs fragte ich sie: ‚Welche Partei und wen wählen Sie am nächsten Sonntag?‘ Sie sah mich kurz an und meinte: ‚Das geht dich nichts an!‘ Ich fragte sie weiter, aber sie wollte mir partout nicht sagen, wo sie ihre Kreuzerl macht. Was sie nicht wusste, war, dass ich meinem Vater helfen wollte, damit er Oberbürgermeister wird. Als sie stur immer wieder ablehnte, mir zu sagen, welche Partei sie wählen werde, habe ich ihr gedroht, dass ich die Einkaufstüten, die ich trage, wieder an den Ort zurückbringen würde, wo ich sie ihr abgenommen hatte. Fazit: Als mein Vater davon erfuhr, bekam ich eine kräftige  Ohrfeige von ihm. Das war im übrigen eine der wenigen Ohrfeigen, die er mir in unserer gemeinsamen Zeit verabreichte.

Durch seine Spitzenpolitikerposition hielt sich Alfons Goppel häufig in der bayerischen Landeshauptstadt München auf, am Standort seiner Büros und des Landtages. Durch die vielen Abwesenheiten des Vaters war die Mutter, Gertrud Goppel, die „Chefin“ in der Familie, so Thomas Goppel schmunzelnd.

Er erinnert sich: „Meine Mutter hat alles im Griff gehabt, den Haushalt, uns Kinder, aber auch ihre Aufgaben im Zusammenhang mit den Aufgaben meines Vaters. Sie hat ihn auch immer wieder auf das eine oder andere aufmerksam gemacht oder an Wichtiges erinnert. z.B. ‚Hast du den Minister schon informiert oder gefragt?‘ Wenn er dann ‚nein‘ sagte, gab sie ihm eine deutliche Antwort: ‚ Bitte mach das, sonst mach ich es!‘ Das hat gewirkt. Vater holte das Versäumte prompt nach.“

Wenn Thomas Goppel über seine Mutter spricht, merkt man, dass er Respekt vor ihr hatte. „Von meiner Mutter habe ich ein paar Rückgratkorrekturen  mehr erfahren als von meinem Vater“. Er erinnert sich noch daran, wie aufgebracht sie war, als er als Student in den AStA (Allgemeiner Studentenausschuss) gewählt wurde und zu Hause davon berichtete. „Das Jahr zuvor hatte ich mich im Studium eher herumgetrieben und nun machte ich Politik, das erschien ihr nicht geheuer. Mein Vater jedoch meinte nur lapidar: ‚Das ist Politik, lass ihn: das ist zulässig.‘“

Die Eltern: Gertrud und Alfons Goppel (Fotoquelle: Thomas Goppel)

Thomas Goppel war in seinen jungen Jahren, insbesondere in der Ministerpräsidentenzeit seines Vaters, immer nur der Sohn von Alfons und Gertrud Goppel. Das gab ihm zwar in mancher Hinsicht Pluspunkte, aber auch in anderen Dingen Minuspunkte. Es sollte und durfte nie der Eindruck entstehen, er würde als Spitzenpolitikersohn begünstigt. Deshalb waren ihm so manche Wege und Möglichkeiten lange verschlossen oder erschwert. Auch in der Politik, in die er strebte, saß er viele Jahre nur auf der hinteren Bank, während andere junge Politiker bereits Karriere machten.

Nach seinem Studium in Würzburg, München und Salzburg legte Thomas Goppel 1970 bis 1973 die I. und II. Staatsprüfung für das Lehramt an Volksschulen ab. Damit war er Volksschullehrer und unterrichtete fortan an verschiedenen oberbayerischen und einer schwäbischen  Schule. „An meinem  ersten Dienstort der Volksschule in Königsbrunn bei Augsburg“, so Thomas Goppel, „unterrichtete ich eine Klasse mit 54 Schülern. Was mir nicht behagte war, dass ich dort nicht bleiben durfte, sondern mehrfach versetzt wurde. Auf meine Beschwerde bekam ich vom Schulamt zur Antwort: „Wenn wir Sie nicht versetzen, dann haben alle anderen Lehrer einen Grund, sich zu beschweren, wenn sie versetzt werden. So aber können wir sagen: Dem Goppel seinen Sohn versetzen wir auch, da haben doch auch Sie keinen Grund zur Beschwerde!“ Thomas Goppel war, wie er bekundet, gerne Lehrer und wäre es auch gerne geblieben, jedoch kam schließlich alles ganz anders.

Seine ersten politischen Sporen verdiente sich Thomas Goppel 1972, als sein CSU-Freund Winfried Zehetmeier für das Amt des Münchner Oberbürgermeisters kandidierte. Er erinnert sich: „Damals kam die Frage auf ‚Wer hilft dem Winfried Zehetmeier beim Wahlkampf in München?‘ Da ich damals als Lehrer nur vormittags fest im Beruf zu sein hatte  und am Nachmittag und Abend weitgehend frei war, habe ich mich bereit erklärt, die Aufgabe zu übernehmen und das Wahlkampfbüro zu leiten. Wir haben einen ziemlich pfiffigen Wahlkampf betrieben und uns so manch Unkonventionelles einfallen lassen. Leider hat es nicht gereicht, weil München „rote Hochburg“ war. Georg Kronawitter von der SPD wurde daraufhin Oberbürgermeister. Damals habe ich das erste Mal erlebt, wie Umfragen funktionieren, auch, wie man sie beeinflussen und steuern kann; das war für mich als junger Politiker eine ganz wichtige Erfahrung und Erkenntnis.

1982 promovierte Thomas Goppel an der Universität in Salzburg. Einer seiner Lehrer, Helmut Zöpfl, der auch Professor an der Universität in Salzburg war, hatte ihm zu dieser österreichischen Promotionsmöglichkeit geraten, weil,  in Bayern damit zu rechnen war, dass unfreundliche Diskussionen aufkommen könnten.

Seine Promotionsarbeit verfasste er gelegentlich in der Justizvollzugsanstalt Laufen-Lebenau. Thomas Goppel erinnert sich: „Ich war damals als bayerischer Landtagsabgeordneter in den Beirat der Justizvollzugsanstalt berufen. Da ich einen ungestörten Platz zum Schreiben meiner Doktorarbeit manchmal nötig hätte, ermöglichte es mir die Gefängnisleitung, dass ich dort einen Raum bekam und so schrieb ich denn auch in der Ausnüchterungszelle des Gefängnisses. In jener Zeit hatte ich in Salzburg einen Friseursalon, bei dem ich mir immer die Haare von einer Friseurin schneiden ließ, die beruflich und privat von Landsberg nach Salzburg gewechselt hatte. Sie fragte mich jedes Mal, wenn ich auf dem Friseurstuhl saß: „Kommen Sie wieder aus dem Gefängnis?‘ Das hörten natürlich die anderen Kunden und nicht selten suchte so mancher daraufhin das Weite.“

Fast hätte der Lehrer Thomas Goppel seine politische Position im Bayerischen Landtag aufgegeben und statt dessen, zusammen mit seiner Frau Claudia, die er seit seiner Studien- und AStA-Zeit kannte und die seine Mitkommilitonin war, eine Drillschule für lernbegabte Kinder im Bayerischen Wald gegründet. Die Ursache dafür lag in dem Umstand, dass sich in seiner politischen Laufbahn 12 Jahre lang nichts bewegt hat und er nicht ewig auf der hinteren Bank sitzen wollte.

Dies änderte sich im Jahr 1986 schlagartig, als ihn der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß ins Kabinett berief und Thomas Goppel Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst wurde. Dieser Aufgabe folgte 1990 das Amt des Staatsministers im Bayerischen Staatsministerium für Bundes- und Europa-Angelegenheiten. Von dort wechselte er 1994 in das Amt des Staatsministers für Landesentwicklung und Umweltfragen und 2003 in das des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst. In der Zwischenzeit, von 1999 bis 2003, war Thomas Goppel Generalsekretär der CSU in Bayern. 2008, im Alter von 61 Jahren, fand seine politische Karriere ein unerwartetes Ende, denn er wurde nicht mehr in das Kabinett berufen.

Thomas Goppel im Bayerischen Landtag 2017 (Fotoquelle: Thomas Goppel)

Intermezzo: Irgendwann in den 1990er und anfänglichen 2000 Jahren, also während seiner politischen Hochzeit habe ich Thomas Goppel persönlich kennen gelernt, ihm einige Male die Hand geschüttelt bei Veranstaltungen, zu denen ich als Mitglied des Pinakotheksvereins München eingeladen worden war. Ich erinnere mich noch gerne an diese Begegnungen und daran, dass ich mir damals dachte: „Ein sympathischer Mann!“ Ein näheres Gespräch ist jedoch nie zustande gekommen. Nun sitzen wir beide heute, im März 2019, am Esstisch in seinem Haus in Eresing bei Landsberg am Lech. Gut Ding braucht eben Weil, wie es das Sprichwort so trefflich sagt.

Auf meine Frage, ob es im Hinblick auf das antike Werk Platons „Politikus“ ein Muster für den idealen Staatsmann gibt, antwortet Thomas Goppel:

„Nein, ein Muster gibt es nicht, denn jeder Mensch ist unterschiedlich. Wenn eine Partei, wie die SPD, Gleichheit als Traumziel der Gesellschaft vorgibt, dann bedenkt sie nicht, dass alle Menschen sich unterscheiden, und das auch wollen. Ich kann natürlich an manchen Stellen Gleichheit einfordern, d.h. dass andere gleich behandelt werden, aber generell Gleichheit zu verlangen und zu erwarten ist politisch und tatsächlich unklug. Da muss ein System untergehen. Die Liberalen sagen: ‚Wer viel leistet, muss auch mehr Möglichkeiten haben‘. Die machen einen noch größeren Fehler, weil sie die Masse derer, die erst mit Verzögerung ihre Leistungsfähigkeit entdeckt, einfach ignorieren, wenn Sie Zukunft gestalterisch angehen. Statt zu fördern, bremsen sie. Und die Grünen kümmern sich mehr um die Umwelt und Natur als um die Menschen. Die haben, so glaube ich, die Schöpfungsgeschichte nicht gelesen.“

Und wie sieht für Thomas Goppel der ideale Staatsmann aus?

Thomas Goppel: „Der ideale Staatsmann muss Menschen zugewandt sein, d.h. er muss offen sein. Wenn ein Staatsmann schon   im Umgang mit Menschen fremdelt, dann ist er fehl am Platz. Natürlich ist auch er nicht frei von Stimmungen, hat Zeiten, in denen er nicht so offen ist, aber die Grundtendenz zur Offenheit muss einfach vorhanden sein. Es soll in der Politik immer so sein, dass man alle miteinbezieht und niemanden ausgrenzt, aber auch niemanden bevorzugt. Man muss als Politiker offen durch die Welt gehen. Da gibt es welche, die können das sehr gut und die gelten deswegen auch als ideale Staatsmänner und —frauen.

Müssen Politiker ein „breites Kreuz“ haben, weil es in der Politik bekanntlich nicht immer freundlich und sanft zugeht?

Thomas Goppel: „Als Politiker wird man über die Jahre ein ganzes Stück widerstandsfähiger als man es am Anfang ist. Die Empfindlichkeiten nehmen mit den Jahren ab. Sie dürfen jedoch nicht zu viel abnehmen, weil man dann selbst verroht. Schlimm wird es für den Politiker, wenn es zu Unterstellungen von anderen kommt, die darauf abzielen, ihn zu vernichten. Solange jedoch die Seele nicht angegriffen wird, muss man das Verhalten der anderen, ob in der eigenen Fraktion, ob von anderen Parteien oder der Presse, aushalten. Die Trainingszeit kann dabei schon lange werden.

Was war für Thomas Goppel als Staatsmann in all den Jahren besonders wichtig?

Thomas Goppel: „Für mich war und ist es wichtig, dass jeder, der zu mir kommt, eine „offene Tür“, d.h. Gehör findet und weiß, dass er mich alles fragen kann, was ihn bewegt oder ihm auf der Seele liegt. Bei mir geht niemand aus der Tür, ohne von mir einen Rat bekommen zu haben, ohne mir sein Herz ausgeschüttet zu haben, ohne mit mir seine Probleme besprochen oder diskutiert zu haben. Das heißt nicht, dass ich alles wissen oder können muss. Zwingende Voraussetzung für einen gediegenen Kontakt ist allerdings,  dass ich selbst am vorgelegten Beispiel gelernt haben muss, wie man richtig mit Dingen und Menschen umgeht. Einmal mehr. Auch  deshalb halte ich eine berufliche Ausbildung und Erfahrung vor der Politikerlaufbahn für sehr wichtig – egal welche, ob als Rechtsanwalt, Journalist, Landwirt oder Handwerksmeister. Wichtig allerdings ist, dass jemand ein tüchtiger Rechtsanwalt, ein tüchtiger Journalist, ein tüchtiger Landwirt oder ein tüchtiger Handwerksmeister war, und davon im übertragenen Sinn des Wortes zehren kann. Einer, der das nicht ist, der also nicht tüchtig in seinem Beruf war,  wird auch  als Politiker nicht taugen.“

Für Thomas Goppel gilt das Motto, das er von seinen Eltern übernommen hat: „Die Persönlichkeit des Menschen zählt.“ Fast wäre er im Oktober 2008 bayerischer Ministerpräsident geworden, wie einst sein Vater Alfons Goppel. Wenn da nicht das „Politikspiel der Macht“ des Horst Seehofer stattgefunden hätte, das damit endete, dass der eine Ministerpräsident und der andere unfreiwilliger „Rentner“ wurde. „So ist eben Politik“, würde vermutlich Alfons Goppel die Sache kommentieren.

Untätig ist Thomas Goppel seitdem trotzdem nicht, denn er übt seit 2008 das Amt des Präsidenten des Bayerischen Musikrates e.V. aus, zudem seit 2011 das Amt des Vorsitzenden des Landesdenkmalrates, und last not least seit 2013 das Amt des Vorsitzenden der Senioren-Union der CSU. Parallel zueinander und mit der nämlichen Leidenschaft, die ihn in die Politik gezogen hat. Das Sprichwort „wer rastet, der rostet“ mag für andere gelten, nicht jedoch für Dr. Thomas Goppel, den tüchtigen Politikon. „Vorn geht es weiter. Der Umtrieb dort verspricht Ertrag,“ das hofft er und deshalb machte er weiter.

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